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Hirsch, Steffen

Der Typus des 'sozial desintegrierten' Straftäters in Kriminologie und Strafrecht der DDR - Ein Beitrag zur Geschichte täterstrafrechtlicher Begründungen -

1. Auflage, November 2008
Deutsch, 276 Seiten, 14,8 x 21,0 cm, 365 g
ISBN: 978-3-86844-090-4
38,00 €
ODER
Der Typus des 'sozial desintegrierten' Straftäters in Kriminologie und Strafrecht der DDR - Ein Beitrag zur Geschichte täterstrafrechtlicher Begründungen -

Schlagworte

Asozialität, Soziale Desintegration, Täterstrafrecht, Strafrecht und Kriminologie der DDR, Typenbildung

Das Buch

Im Zentrum der Dissertation stehen Probleme der Kriminalisierung von „Asozialität“ in der DDR. Anhand der einschlägigen Norm des DDR-Strafrechts – § 249 StGB – wird jene repressive Strategie aufgezeigt, mit welcher der sozialistische Staat die aus seiner Perspektive hochproblematischen Phänomene wie Nichtarbeit, Prostitution, Bettelei u. ä. zu bewältigen gedachte. Dass die dafür gewählte Form einer strafrechtlichen Sozialkontrolle schlussendlich zum Scheitern verurteilt war, überrascht vermutlich weniger als die Tatsache, dass sich das – originär als sozialistisch begriffene – Vorgehen gegen „Asozialität“ bei Lichte besehen vielfach als Rückfall in tradiertes Verständnis von Abweichung und Täterstrafrecht erwies. Solche strafrechtshistorischen Kontinuitäten werden ebenso dargetan wie späte Bemühungen der Kriminologie der DDR, auf der Grundlage des Konzepts sog. sozialer Desintegration die überkommene Sichtweise auf das Phänomen „Asozialität“ zu überwinden.



Aus den Gutachten:

„Ungewöhnlich ist die Einbettung seines spezifischen Gegenstandes in größere gesellschaftliche und davon bestimmte kriminalpolitische Zusammenhänge, die er in ihren Widersprüchen aufnimmt und differenzierenden Wertungen unterwirft – eine durchaus nicht selbstverständliche Weise mit DDR-Geschichte umzugehen.“

Prof. Dr. Günther Kräupl


„Der Verfasser hat seine These von der täterstrafrechtlichen Natur der „Asozialen“-Vorschrift in gründlicher Weise schlüssig verifiziert. Auf diesem Wege ist es ihm gelungen, nicht nur das Wesen der speziellen Vorschrift aufzuklären, sondern darüber hinaus – exemplarisch – wesentliche Züge des Strafrechts der DDR überhaupt zu verdeutlichen.“

Prof. em. Dr. Udo Ebert

Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde im Sommer 2008 von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena als Dissertation angenommen.

Meinem verehrten Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Günther Kräupl, bin ich zu großem Dank verpflichtet. Bereits während des Studiums weckte er mein Interesse für Fragen der Kriminologie und des Strafrechts; später bot er mir als Mitarbeiter an seinem Lehrstuhl die Möglichkeit, wissenschaftlich tätig zu sein. In unseren zahllosen Gesprächen ließ er die Vergangenheit lebendig werden und begleitete so die Entstehung der Arbeit von Anfang an engagiert und kritisch.

In Herrn Prof. em. Dr. Udo Ebert fand ich während meiner Studienzeit stets einen offenen und freundlichen Diskussionspartner. Hierfür danke ich ihm ebenso wie für seine Bereitschaft, das Zweitgutachten zu meiner Dissertation zu erstellen.

Im Übrigen wäre die vorliegende Arbeit auch nicht ohne den Rückhalt meiner Familie vollendet worden. Dankbar bin ich meinen Eltern Lutz und Christiane Hirsch, dass sie jene überaus günstigen Rahmenbedingungen für mein wissenschaftliches Tätigsein geschaffen und mich jederzeit durch Wort und Tat unterstützt haben. Meine Schwester Claudia Böhme-Hirsch verdient Dank nicht nur aufgrund endlosen Korrekturlesens, sondern auch wegen der vielen anregenden Gespräche.

Schließlich möchte ich noch Béatrice Illing danken, die auf ihre ganz eigene, wunderbare Art zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen hat.

Leseprobe

Als eine Konsequenz der in der DDR verfochtenen hypertrophen Sicherheitsdoktrin, deren Höhepunkt mit einiger Berechtigung in den siebziger Jahren anzusiedeln ist, deren Ausmaß aber im Übrigen stets gewissen Schwankungen unterworfen war, muss die umfängliche Kriminalisierung sog. Asozialität angesehen werden. Den darunter gefassten Verhaltensweisen, vor allem jedoch der dahinter stehenden Täterklientel, wurde seitens der politischen Elite ein Gefährdungspotential für das Zusammenleben der Menschen innerhalb der sozialistischen Gesellschaft zugewiesen; mithin erschien es als gerechtfertigt (und gleichzeitig notwendig), die Betroffenen ins Visier eines komplexen Präventions- und Repressionsapparates zu nehmen und sie mit Hilfe von Zwangsmitteln unterschiedlicher Art und Schwere zu „bessern“. Der Rückgriff auf die Ideologie des „Marxismus-Leninismus“ als Begründung und Rechtfertigung für ein solches Vorgehen erscheint auf den ersten Blick logisch und konsequent. Tatsächlich beförderten die in der DDR postulierten ethisch-moralischen Grundvorstellungen zum Ideal des Menschen und seiner Rolle im sozialen Ganzen die Ausgrenzung jener, die sich diesen Regulativen wissentlich oder aus Unvermögen entzogen. Zugleich verengte die manifeste Ideologisierung von Strafrechtswissenschaft und Kriminologie den Blick auf das Phänomen „Asozialität“, indem die Ursachen solcher Verhaltensweisen im Wesentlichen individuumszentriert gesucht und gefunden wurden. Für den Bereich des Strafrechts bahnte dieses Verständnis zugleich täterstrafrechtlichen Perspektiven den Weg. Auf der anderen Seite aber zeigt bereits die Fortschreibung des sog. Selbstverschuldungsansatzes im Kontext von „Asozialität“ sehr deutlich, dass die Kriminalisierung dieser Menschen in der DDR im Grunde in der Tradition herkömmlicher täterstrafrechtlicher Implikationen seit Franz von Liszt lag. Insofern kann sie eben nicht einfach als Auswuchs eines „Unrechtssystems DDR“ angesehen und abgetan werden. Die historische Kontinuität zeigt sich dabei zuvörderst auf begrifflicher Ebene, etwa wenn in der DDR weiterhin von „Asozialität“, „Hartnäckigkeit“ oder – im Bereich des Rückfalls – von „Böswilligkeit“ gesprochen wurde. Eine semantische Betrachtung dieser Bezeichnungen zeigt, dass ihnen ein stark subjektives Moment innewohnte, das es ermöglichte, Wertungen über die Täterpersönlichkeit jenseits der konkreten Tat in die Bemessung des Ob und Wie der Strafe einfließen zu lassen. Dass sich diese Zuschreibungen aufgrund der hochgradig negativen Konnotation der Begriffe regelmäßig zuungunsten der Betroffenen auswirkten, bedarf keiner besonderen Erwähnung – umso bedenklicher erscheint es deshalb, dass das Attribut „asozial“ auch heutzutage wieder in öffentlichen Debatten um soziale Gerechtigkeit auftaucht und diesen damit einen populistischen Anstrich verleiht.


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